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Trini-liming, German-timing

Trinidad Exkursion 2011 The study-trip was organised in connection to the seminar "Creolization - Language, Culture and Ethnicity in Contemporary Trinidad". Students from the English Department and from the Institute of Cultural and Social Anthropology spend a formidable week from March 21 - March 28, 2011 in the Caribbean.

Dass Trinidad und Tobago abseits von karibischen Stränden unzählige Einblicke in die kulturelle Vielfalt der Inselstaaten zwischen Nord- und Südamerika gewährt, durfte eine Gruppe von achtzehn Freiburger Studenten und Dozenten diesen März hautnah erfahren. Nach einem interdisziplinären Hauptseminar der Anglistik (Prof. B. Korte und Prof. Ch. Mair) und der Ethnologie (Dr. H. Drotbohm) im vergangenen Sommersemester flogen sie mit einem Gepäck voller Fragen und Neugierde über den Atlantik – und erweiterten ihren Horizont nicht bloß durch das Blau von Himmel und Meer.

Wir sitzen zusammen, am letzten Abend. Ausnahmsweise einmal alle zusammen im Guest House ohne geladene Gäste, ohne weitere Termine. Für diejenigen von uns, die direkt nach der Studienwoche den Heimweg antreten, sind dies die letzten Stunden, um in der lauen Abendluft die letzte Woche Revue passieren zu lassen. Es sind zufriedene Gesichter, manche Nasen sind etwas rot, doch durch die vielen Termine hatten wir einen ganz natürlichen Sonnenschutz dabei. Hat sich der lange Flug für die kurze Reise gelohnt? „Auf jeden Fall!“ meint Verena. Aber was war eigentlich das beeindruckendste Erlebnis auf der Exkursion?

„Der Abend in Curepe... naja, ich hatte gemischte Gefühle aber es war ein wichtiger Einblick in das Nachtleben auf der Straße mit Doubles und Liming.“ Curepe? Doubles? Liming? Nicht ohne Zufall kommt eine Beschreibung von alltäglichen Orten, Essgewohnheiten und Freizeitgestaltung der Trinbagonier nicht ohne Wörter aus, die eine Erklärung benötigen – es gibt sie eben nirgendwo anders! Curepe ist eine belebte Straßenkreuzung zwischen dem Uni-Campus und der Innenstadt von Port-of-Spain, der Hauptstadt. Hier gibt es, so wurde uns von einem begeisterten Busfahrer erklärt, die besten Doubles der Stadt: zwei in Öl frittierte Teigfladen, die gleichzeitig als Werkzeug dienen, um die Sauce aus Kichererbsen, Chili und Mango-Chutney zu essen. In der Nähe eines solchen mobilen Essens-Standes zu stehen oder zu sitzen, Freunde zu treffen, zu diskutieren und Vorbeiziehende zu beobachten – das schätzt man in Trinidad so hoch, dass man dafür ein eigenes Wort hat: „Liming,“ und uns scheint, dass sich die Einheimischen ihres karibischen Lebensgefühls und des Werts einer gewissen Entschleunigung im Alltag durchaus bewusst sind.

Während wir uns im Trini-Liming versuchen, wurde manchen von uns jedoch auch bewusst, dass wir unser German-Timing so schnell nicht ablegen können. Später am Abend in einer Bar angekommen, blieben wir auch dort als Gruppe von sechzehn weißen Frauen und zwei beneideten Männern nicht lange unbemerkt: „This is for the German ladies“, kündigte der DJ das nächste Lied an. Die lokalen Gerichte ermöglichten uns einen individuelleren und unbefangeneren Zugang zur Kultur: Currys, Roti, Kassava, Kochbananen, chow mein – der reiche Schatz der trinbagonischen Küche erzählt von einer bewegten Geschichte mit indischen, afrikanischen und chinesischen Einflüssen. Immer wieder war es der Austausch mit lokalen Wissenschaftlern, der uns half, die Puzzlestücke an Alltagserlebnissen in einem sozialen, kulturellen und historischen Rahmen zusammenzusetzen.

„Der Vortrag von Bridget Brereton“ antwortet deshalb Ruth auf die Frage, was ihr während der Woche am besten gefallen habe. Als Historikerin trug Professor Brereton einen wichtigen Teil zur unabhängigen Geschichtsschreibung T&Ts nach dem Ende der Kolonialzeit 1964 bei. Verbunden mit dem „Joint Research Day“ an der University of the West Indies legte der erste Tag unserer Exkursion somit einen wichtigen Grundstein für alle weiteren Einblicke, die wir während der Woche sammelten. Frau Breretons Einführung reichte von der Entdeckung der bis dahin von amerindischen Ureinwohnern bewohnten Insel durch Kolumbus im Jahre 1498 über die spätere Kolonialisierung durch Spanier und Engländer bis hin zum multi-ethnischen Zusammenleben der heutigen Gesellschaft. „Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts bildeten wenige spanische Siedler zusammen mit den Ureinwohnern, die überlebt hatten, eine spanisch-amerindische Gesellschaft“, erklärte Frau Brereton. „Die wenigen Sklaven, die es gab, waren aus Europa mitgebracht worden.“ Dann aber begannen auf Ansinnen der Spanier hin katholische Franzosen, die Insel verstärkt zu besiedeln. Ihre Spuren sind heute beinahe ausgelöscht, denn 1797 wurde Trinidad von den Briten erobert und damit Teil des englischen Weltreichs. Aus dem 1757 gegründeten Puerto de España wurde Port-of-Spain, und tausende von Sklaven wurden importiert, um unter unmenschlichen Bedingungen auf Zuckerrohr-, Kakao- und Tabakplantagen zu arbeiten. Auch die Sprache Trinidads erzählt von der sozio-historischen Entwicklung des Inselstaats. Neben der englischen Standardsprache, die in Printmedien sowie in den meisten offiziellen Kontexten gesprochen wird, ist es Trinidadian Creole English, das die Fülle der lokalen Kultur ausdrückt. Wie in zahlreichen Kreol-Sprachen sind es besonders Wortschatzerweiterungen, eine veränderte Sprachmelodie und Veränderungen in der Grammatik, die die Eigenheit dieser Sprache ausmachen.

Neben Elementen aus westafrikanischen Sprachen fällt die große Anzahl indischer Begriffe auf. Woher kommt dieser Einfluss? Nachdem die Sklaverei im Jahre 1833 abgeschafft worden war, finanzierten britische Plantagenbesitzer die Überfahrt indischer Kontraktarbeiter, die sich nach Ablauf einer fünfjährigen Vertragszeit zum Großteil dauerhaft auf der Insel niederließen. Mit der Kultur und dem Leben der Indo-Trinidadier befasst sich auch der Roman A House for Mr. Biswas des aus Trinidad gebürtigen Literatur-Nobelpreisträgers V.S. Naipaul. Der Besuch des Lion House in Chaguanas, seines Kindheitshauses und der biographischen Vorlage für das von uns im Seminar behandelte Werk, war folglich eine weitere Verknüpfung zwischen dem Studium in Freiburg und dem Kennenlernen der hinter dem Werk stehenden Lebenswelt. Der für uns erstaunliche Verfall des Hauses ließ allerdings nur bedingt auf dessen einstige Bedeutsamkeit schließen. Allerdings versicherte uns der Wächter der Villa, dass sie bald renoviert werden sollte, und präsentierte als Beweis mehrere verrostete Farbeimer. So wurde uns lebhaft vor Augen geführt, dass die internationale Wertschätzung für den Autor nicht zwingend Bereitstellung von Geldern für die Pflege dieses kulturellen Ortes bedeutet.
view from the temple in the sea at waterloo / blick vom temple in the sea in waterloo
Mit viel Gold und Glitzer wurden wir allerdings bei der Besichtigung eines sorgfältig gepflegten hinduistischen Tempels belohnt, aus dessen Mitte eine dreißig Meter hohe Statue des Affengottes Hanuman die Hand hebt. Im nahe gelegenen indischen Museum erfuhren wir, dass für einen Teil der Indo-Trinidadier die Identifikation mit Indien als ihrer ursprünglichen Heimat offenbar auch nach über hundert Jahren noch vorhanden ist: Im Museum soll ein Computerprogramm eingerichtet werden, mit dessen Hilfe sie nach ihren Wurzeln suchen können. Dagegen hauptsächlich afro-trinidadisch geprägt ist das Bergdorf Paramin, das für die meisten Studenten zu den Highlights der Exkursion zählte: „Dass wir dort so offen begrüßt wurden und ein Stück ländliches Leben fernab von Großstadt-Trubel und Tourismus erleben konnten, war toll.“ In der Dorfschule des nordöstlich von Port-of-Spain gelegenen Ortes mit bunten Häuschen zwischen Urwald und steilen Hängen, an denen die Kräuter wachsen, für die Paramin auf der ganzen Insel bekannt ist, trafen wir den Grundschullehrer Richard Mendez. Seit einigen Jahren unterrichtet er hier Patois, eine vor langer Zeit auf Trinidad gebräuchliche Kreolsprache, die mit dem Französischen verwandt und einigen der ältesten Dorfbewohner noch bekannt ist. „Es bestehen viele Vorurteile gegen diese Sprache“, erklärte Mendez. „Man betrachtet es als Zeitverschwendung, 'schlechtes Französisch' zu lernen. Ich aber finde es wichtig, dass Patois als Kulturgut erhalten bleibt und unter jungen Leuten nicht in Vergessenheit gerät.“ Solch eine kulturelle Tradition hat in einem Ort wie Paramin am ehesten noch Überlebenschancen, da viele Bewohner seit Generationen in dem Dorf leben. „Traditionell wird hier Landwirtschaft betrieben, und auch wenn heutzutage viele Einwohner in Port-of-Spain arbeiten, bleiben sie der Außenwelt gegenüber oft misstrauisch.“ Dass sich die Paraminer trotzdem über fremden Besuch freuen, wurde uns spätestens klar, als uns einige Neugierige freundlich aus dem Fenster zuwinkten. Eine Schüssel cow heel soup (Kuhhuf-Suppe) verbunden mit etwas Small Talk auf der zentralen Kreuzung des Dorfes waren somit ein gelungener Abschluss dieses Einblicks in das ländliche Leben auf T&T.
colorful prayer flags at the temple in the sea / bunte gebetsfahnen am temple in the sea

Im Kontrast dazu stehen aktuelle soziale Probleme wie Armut oder Drogenkriminalität, die vor allem durch die Nähe zu Venezuela begünstigt wird, sowie verdeckter Rassismus und Vorurteile gegen Homosexuelle. Kolumnist Kevin Baldeosingh hat es sich deswegen zur Aufgabe gemacht, lokal brisante Themen satirisch aufzugreifen. „Ich habe noch nie von faschistischem Humor gehört“, erklärte er die besondere Schlagfertigkeit seiner Form der Kritik, als wir ihn zu einer Lesung treffen. Er ist einer der vergleichsweise wenigen gesellschaftskritischen trinidadischen Schriftsteller, die in der Heimat geblieben sind, denn weil die entsprechende Leserschaft in Trinidad weitgehend fehlt, sind viele nach Europa, Kanada oder die USA ausgewandert. Für Baldeosingh kommt das nicht in Frage. „Wenn ich meine Landsleute zum Nachdenken bringen will, dann muss ich vor Ort leben, schreiben und veröffentlichen, auch wenn der sarkastische Ton meiner Zeitungsbeiträge sicher vielen auf die Nerven geht“, sagte er schmunzelnd. In der Kurzgeschichte „Portrait of a killer“, die er uns vorlas, wird dem Leser vor Augen geführt, wie Armut, Vorurteile und Ausgrenzung aus der Gesellschaft aus einem motivierten Jungen einen Mörder machen können; vielen konservativen Trinidadern, so erklärte uns Baldeosingh, liegt nämlich der Gedanke fern, dass die Gesellschaft ihren Teil zur Kriminalität beiträgt, weshalb sie die massive Polizeigewalt unkritisch betrachten.

at the pitch lake / am pitch lake
Der Besuch des Pitch Lake (Teer-See) am letzten Tag ist auf ganz andere Weise horizonterweiternd. „Für die Trinidadier das achte Weltwunder, habe ich gehört“ erinnert sich Eva am letzten Abend. Dieser Ort ist neben der Ölindustrie ebenfalls ausschlaggebend für die wirtschaftlich untergeordnete Rolle des Tourismus auf Trinidad im Vergleich zu anderen karibischen Staaten. Von hier aus werden bis heute täglich mehrere Tonnen Teer in die ganze Welt exportiert. Der See birgt eine mystische Facette, auf die uns unser Reiseführer, ein Rastafari, mit Nachdruck während unserer Tour auf befestigten Stellen aufmerksam macht. Den Höhepunkt des Rundgangs bildet die „Teermutter“, eine klebrige schwarze Substanz die aus den Ritzen des Sees „geboren wird“ und dann durch die Sonne zu brauchbarem Teer „heranwächst“. In der Bevölkerung sind die heilenden und belebenden Kräfte dieser natürlichen Quelle kein Geheimnis. Manche von uns vermuteten auf Grund des schwefelartigen Geruchs eher Gegenteiliges. Andere waren jedoch auch sichtlich beeindruckt von einem Reiseführer, der neben Faktenwissen ganz selbstverständlich auch seine spirituelle Überzeugung mit uns teilte. Somit ist im Falle des Pitch Lakes die Behauptung eines Schriftstellers aus dem neunzehnten Jahrhundert widerlegt, derzufolge der See „ein Ort ist, den viele Einheimische kaum wahrnehmen, aber von dem erwartet wird, dass ihn alle Reisenden besichtigen.“
the mother-of-the-lake / die mutter des sees

„Ich habe noch nicht fertig gepackt“, holt uns eine unserer Dozentinnen n die Realität zurück: noch sechs Stunden bis zur Abfahrt und dann bleiben uns zehn Stunden Flug, um mit einer Mischung aus Trini-Liming und German-Timing zurück im Freiburger Uni-Leben zu landen.

Eva Fischer, Eva Kasper, Maike Lengemann

NB: Die Exkursion wurde vom DAAD und vom Verband der Freunde der Universität Freiburg finanziell gefördert

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